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Jetzt, nach ca. vier Jahren, haben wir eine negative Entscheidung bekommen. 

Als Roma gehören wir einer ethnischen Minderheit von Kosovo an und stehen auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie. Aber Armut oder Krieg sind nicht der Grund, warum wir unser Land verlassen haben.

Blutrache
Mein Bruder hat einen Albaner ermordet, wofür er rechtskräftig verurteilt wurde. Auch sein Sohn – mein Neffe – und ein dritter Beteiligter sitzen deswegen in Haft. Doch in Kosovo werden durch die Albaner ungeschriebene Gesetze und Traditionen wie Blutrache gelebt. Eine Verurteilung durch das Gesetz und den Staat reicht hier nicht aus. Die Ehre spielt in der albanischen Gesellschaft eine sehr hohe Rolle. Im Kanun heißt es: „Man verliert das Leben, aber nicht die Ehre“. Die Tötung eines Albaners ist ein unvorstellbarer Ehrverlust für eine Familie und nicht hinnehmbar. So wird die Blutrache nicht als Strafe für einen Mord gewertet, sondern als notwendige Genugtuung – Vergeltung, damit die Ehre der Familie erhalten wird.

Österreich - Deutschland - Österreich
Innerhalb einer Woche mussten wir alles zurücklassen und sind nach Österreich geflohen. Unzählige Interviews – manchmal nur ich, manchmal nur meine Frau und selten auch meine Kinder – dauerten oft länger als 3 Stunden. Die ausweglose Situation zehrt an uns und so muss ich aufgrund meiner psychischen Befindlichkeit verschiedenste Tabletten nehmen. Ich bin am Ende (Tränen in den Augen). Verwirrtheit und löcherige Erinnerungen sind tägliche Nebenwirkungen. Das macht es vor allem während Interviews sehr schwer, konzentriert zu bleiben und korrekt auszusagen. Wir haben Beweise für alles, was in Kosovo passiert ist: Die Ermordung, die Verurteilung meines Bruders und der Beteiligten, Fotos vom abgebrannten Haus, schriftliche Zeugenaussagen, Angaben zur albanischen Familie und zur Korruption der Polizei vor Ort sowie diverse Gutachten.

Zu Beginn waren wir acht Monate in Wien und anschließend in Kärnten. In Österreich durften wir vorerst nicht länger bleiben und flüchteten nach Deutschland. Zu dieser Zeit wurde unser Haus in Kosovo in Brand gesetzt. Wir waren dann weitere sieben Monate in Deutschland und hätten Asyl bekommen, doch die Gesetze schreiben vor, dass unsere Asylantragstellung in Österreich abgewickelt werden muss. Mitten in der Nacht wurden wir in einem Zivilbus nach Passau gebracht. Wieder mitten in der Nacht ging es weiter nach Vorarlberg, zuerst nach Schlins und dann nach Schruns. Hier sind wir seit Juni 2014.

"Heimat"
Jetzt, nach ca. vier Jahren, haben wir eine negative Entscheidung bekommen. Wir müssen zurück. Kosovo gilt als sicheres Land, als Nicht-Kriegsgebiet, weshalb wir kein Recht auf Zuflucht haben. Meine Familie wäre in Kosovo in ständiger Gefahr. Ich weiß mit 100%-iger Sicherheit, dass einer meiner beiden Söhne umgebracht wird, ehe wir über der Grenze sind. Das ist ganz normal.

Wir fühlen uns integriert in Schruns. Die Gemeinde und die Menschen sind sehr offen und hilfsbereit. Dank der Nachbarschaftshilfe der Caritas können wir sogar kleine Arbeiten erledigen. Zur Unterstützung wurden auch schon Unterschriften gesammelt, in der Schule usw., damit wir bleiben dürfen. Wir kommen mit unseren Deutschkenntnissen schon sehr gut durch den Alltag und besuchen mehrmals die Woche Sprachkurse. Mein Sohn hat hier die Möglichkeit, seinen Schulabschluss zu machen und der andere könnte anfangen zu arbeiten. Meine Tochter hat eine Ausbildungsstelle im Sozialzentrum. Zu Hause war ich Rettungssanitäter. Mit meiner Frau wären wir fünf Personen, die arbeitsfähig sind und somit Steuern zahlen könnten. Immerhin könnten wir damit Österreich das zurückzahlen, was es uns in den letzten Jahren an Leistungen gegeben hat. Aber jetzt müssen wir zurück. Zu Hause wartet das Nichts auf uns.

Schruns, September 2015

Last modified onDienstag, 20 Oktober 2015 13:16
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